Krautfäule Beratung im Internet

Dr. Benno Kleinhenz, ZEPP (Zentralstelle Länder  für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz), Bad Kreuznach
Dr. Reinhard Sander, Informationssystem Integrierte Pflanzenproduktion (ISIP) e.V., Bad Kreuznach

Die Krautfäule (Phytophthora infestans) ist in Kartoffeln sowohl weltweit als auch in Deutschland immer noch die wichtigste Krankheit. Das Auftreten und die Entwicklung dieses Schadpilzes ist vor allem von der Witterung abhängig. Die Sortenwahl und andere acker- und pflanzenbauliche Faktoren haben dagegen derzeit nur einen untergeordneten Einfluss auf die Epidemie.

Die Krautfäule zeichnet sich durch sehr kurze Entwicklungszeiten, große Sporenproduktion und hohe Neuinfektionsraten aus. Eine Zeitdauer von 15 - 40 Tagen ab Befallsbeginn kann ausreichen, um einen Bestand abzutöten. Da kurative Behandlungen mit Fungiziden nur begrenzt möglich sind, darf bei der Krautfäule mit dem Fungizideinsatz nicht abgewartet werden, bis der erste Befall im Bestand sichtbar wird. 

Neben den herkömmlichen Warndienst-Medien, die der Beratung zur Krautfäulebekämpfung dienen, geht mittlerweile auch die internetbasierte Beratung in Kartoffeln in das sechste Jahr. Sie kann deshalb inzwischen als etabliertes Verfahren angesehen werden. Kern dieses Internetangebotes unter www.isip.de sind die Prognosemodelle SIMPHYT1 und SIMPHYT3. Die Modelle berechnen auf der Basis von stündlichen Wetterdaten (Temperatur, Luftfeuchte, Niederschlag) wann die Krautfäule auftreten wird und wie hoch der aktuelle Infektionsdruck ist. Auf der Basis dieser Modellergebnisse wird dann eine optimierte Bekämpfungsstrategie abgeleitet und veröffentlicht.

Für die Entwicklung und Pflege der SIMPHYT-Modelle ist die ZEPP (Zentralstelle Länder  für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz) in Bad Kreuznach verantwortlich. Sie ist eine gemeinsame Einrichtung aller Pflanzenschutzdienste der Bundesländer und verfügt über langjährige Erfahrungen mit Simulations- und Prognosemodellen bzw. Expertensystemen zur Krankheits- und Schädlingsbekämpfung.

Gleichzeitig zu den täglichen Prognoserechnungen wird von der amtlichen Pflanzenschutzdiensten bundesweit eine  Bestandesüberwachung durchgeführt. Dabei werden auf Praxisflächen Parzellen abgesteckt, die zunächst unbehandelt bleiben. Der Kartoffelbestand wird von Mitarbeitern der Pflanzenschutzdienste mehrmals wöchentlich auf das Erstauftreten der Krautfäule untersucht. Die Ergebnisse werden den Landwirten sofort über das Internet zur Verfügung gestellt (Abb. 1).

Abb. 1: Übersicht zum Phytophthora-Auftreten: Prognose und Befallserhebungen (Beispiel Niedersachsen 2005)

Daneben wird der Behandlungserfolg in fungizidbehandelten Flächen erfasst und berichtet (Abb. 2). Auf dieser Internetseite erfolgt eine Auflistung wann die Fläche das letzte mal bonitiert wurde, falls Befall vorhanden ist, wie stark dieser ist, und wie viele Fungizidbehandlungen und gegebenenfalls wie viele Beregnungen durchgeführt wurden.

Für die aktuelle Bereitstellung aller Informationen im Internet ist in den meisten Bundesländern der ISIP e. V. (Informationssystem integrierte Pflanzenproduktion) verantwortlich. . Die übrigen Bundesländer nutzen ein vergleichbares System, stellen die Informationen aber auf eigenen Seiten bereit. Dieser Informationsdienst ist auch in Österreich unter www.isip.at verfügbar.

Abb. 2: Tabelle zum Phytophthora-Status (Beispiel Emsland 2005)

 

Funktionsweise der SIMPHYT- Modelle

Das seit über 20 Jahren genutzte und immer wieder optimierte Prognosemodell SIMPHYT1 gibt annähernd vergleichbar mit der bekannten Negativprognose einen Termin für den Beginn der Fungizidbehandlungen aus. Ursprünglich wurde das Modell in der ehemaligen DDR entwickelt und Mitte der 90ziger Jahre im Rahmen eines bundesweiten Modellvorhabens an die gesamtdeutschen Verhältnisse angepasst. Neben der Temperatur, der Luftfeuchte und dem Niederschlag werden über einen Regionalfaktor, der jeder genutzten Wetterstation zugeordnet ist, klimatische Unterschiede zwischen den Regionen bewertet. Die Prognosewerte werden geordnet nach Auflaufterminklassen und für zwei Gefährdungsgruppen erstellt. Zu der höheren Gefährdungsgruppe 1 gehören Flächen mit stark anfälligen Sorten (Sortenliste im Internet), Flächen auf denen nach der Pflanzung mindestens 8 Tage Überschwemmung oder Staunässe vorgelegen hat, Flächen mit starkem Feuchteeinfluss durch benachbarte Seen oder Flüsse, Flächen mit Durchwuchskartoffeln und Vorjahresbefall, Flächen, in deren Nähe bereits befallene Schläge (auch Frühkartoffeln) vorhanden sind und Kleingärten. Zur Gefährdungsgruppe 2 zählen alle Schläge mit normalen Anbaubedingungen und normal bis gering anfälligen Sorten.

Alle Prognosen gelten streng genommen nur für das unmittelbare Umfeld der Wetterstation, von der die Witterungsdaten stammen. Ist der Schlag je nach Gelände mehr als 5 km von der Wetterstation entfernt, müssen die Aussagen relativiert werden und können nicht zu 100% richtig für jeden einzelnen Schlag in der Region sein, die der einzelnen Wetterstationen zwangsläufig zugeordnet werden muss. Trotzdem kann auch bei größeren Distanzen nach unseren langjährigen Erfahrungen noch gut mit dem Prognoseergebnis gearbeitet werden. Eine zu frühe Warnung führt dann zu einem überflüssigen Fungizideinsatz, richtet aber keinen weiteren Schaden an. Ein zu später Spritzbeginn, was sehr selten vorkommt, kann dagegen Schäden zur Folge haben. Alle Bestrebungen laufen natürlich darauf hinaus, dass dieser Fall nicht eintritt.

Nach der ersten Fungizidmaßnahme können die Spritzabstände mit Hilfe  des Prognosemodells SIMPHYT3 ermittelt werden. Es beschreibt zunächst über zwei Ausgabewerte wie günstig die Witterung für eine Krautfäuleepidemie ist.

Der zentrale Ausgabewert ist der Infektionsdruck in fünf Stufen (sehr niedrig, niedrig, mittel, hoch, sehr hoch) als Ergebnis einer Simulation einer angenommenen Krautfäuleentwicklung der vergangenen 14 Tage. Es ist darauf zu achten, dass der in der Grafik dargestellte Verlauf des wetterbasierten Infektionsdruckes nicht mit einem Befallsverlauf im Feld zu verwechseln ist. Ein hoher Infektionsdruck im Prognosemodell bedeutet, dass sich ein evtl. vorhandener  Erreger schnell ausbreiten kann, ein niedriger Infektionsdruck bedeutet, dass der Erreger sich aufgrund der Witterung langsamer ausbreiten kann und damit eine Verlängerung des Spritzabstandes möglich wird.

Der zweite Wert ist der in der Graphik als Säulen dargestellte ?Phytophthora-Effizienz-Wert? (PEW) (Abb. 3). Dieser Relativwert beschreibt  für den jeweiligen Tag, ob das Wetter für die Krautfäule günstig war. 0 bedeutet keine Pilzentwicklung (Keine Säule), während 1 maximale Pilzentwicklung ausdrückt. Tage bis 0,4 werden als gelbe Säule dargestellt und kennzeichnen eine mittlere Gefährdung, Tage mit höheren Werten sind als rote Säulen dargestellt und werden als sehr gefährlich bezeichnet.

Abb. 3: Berechnungsergebnis SIMPHYT3 (Beispiel Wetterstation Lindloh 2005)

 

Auch die Berechnung von Spritzabständen für einzelne Kartoffelschläge ist möglich. Hierzu wurde eine interaktive Internetseite eingerichtet, die durch den Klick auf das Taschenrechnersymbol in der Tabelle erreichbar ist (Abb. 4). Auf Basis leicht zu ermittelnder, schlagspezifischer Entscheidungskriterien wird der regionale, mittlere Spritzabstand zur letzten Behandlung, der aus SIMPHYT3 abgeleitet wird, angepasst. Faktoren, die eine Verkürzung des Spritzintervalls bewirken, sind hohe Sortenanfälligkeiten, starkes Krautwachstum (und somit viel ungeschützte Blattmasse) oder stärkere Niederschläge seit der letzten Behandlung. Dagegen kann bei geringerer Krautfäule-Anfälligkeit der angebauten Sorte (besonders bei Stärkekartoffeln), abgeschlossenem Krautwachstum oder nach Einsatz stärker kurativ wirkender Fungizide die Anschlussbehandlung hinausgezögert werden. Die Variation der Länge des Spritzabstandes bewegt sich im Rahmen von maximal +/- 3 Tagen.

Wichtig ist, dass alle Berechnungen von SIMPHYT 3 ausschließlich für noch befallsfreie Flächen gelten. Falls schon sichtbarer Befall auf den Flächen vorhanden ist, hat die Witterung natürlich einen ganz anderen Einfluss auf den weiteren Epidemieverlauf. Und es sind auf jeden Fall Stoppspritzungen durchzuführen.

Abb. 4: Berechnungsergebnis SIMPHYT3, schlagspezifischer Spritzabstand (Beispiel Wetterstation Lindloh 2005)

In den Jahren 2001  und 2003 wurden bundesweit insgesamt 11 Versuche durchgeführt, um die Bekämpfungssicherheit der SIMPHYT Modelle zu untersuchen. Neben einen unbehandelten Kontrolle wurde eine Routine-Versuchsglied mitgeführt, in der wöchentlich behandelt wurde. Im SIMPHYT-Versuchsglied wurde nach den Empfehlungen des Prognosemodells gespritzt. In dem SIMPHYT3 + 3 sollten die Sicherheitsreserven des Modells getestet werden. Deshalb wurde die Behandlung jeweils um 3 Tage hinausgezögert, wenn das Modell eine Fungizidmaßnahme verlangte. In allen Versuchsgliedern wurde ausschließlich Fluazinam  mit empfohlener Aufwandmenge als Fungizid verwendet. Wie Abb. 5 zeigt wurden in den SIMPHYT-Versuchsgliedern 2-3 Behandlungen weniger durchgeführt. Trotzdem wurden, auch im Jahr 2002, dass sich durch hohen Infektionsdruck ausgezeichnet hat, geringere Endbefallshäufigkeiten als im Routine-Versuchsglied erreicht (Abb. 6). Dies zeigt, das SIMPHYT bei hoher Bekämpfungssicherheit über ausreichende Sicherheitsreserven verfügt und ein hohes Fungizideinsparungspotenzial von ca. 30 % hat.

Abb. 5: Einsparungen durch SIMPHYT: ca. 2 Behandlungen pro Jahr

Abb. 6: Gute Befallskontrolle durch SIMPHYT: Endbefallshäufigkeit in den Versuchen.

 

Zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten im Internet

In ISIP ist es möglich einmal ins System eingestellte Daten abzuspeichern. Dadurch können Prognosen für die selbe Fläche im Verlauf der Vegetationsperiode immer aktuell abgerufen werden, ohne dass alle Daten erneut eingegeben werden müssen. Daneben wird ein aktiver SMS- und E-Mail-Benachrichtigungsservices in ISIP angeboten. Die Benachrichtigung erfolgt, wenn Befall in einem gewählten Gebiet aufgetreten ist oder wenn der Behandlungsbeginn empfohlen wird. Beim letzteren kann der Nutzer wählen, ob sich die Benachrichtigung auf seine Schläge oder auf Risikoschläge beziehen soll.

Zum Zugriff auf das ISIP-Portal ist ein Passwort erforderlich, das Interessenten unter www.isip.de, bei Landwirtschaftskammern oder Pflanzenschutzämtern erhalten. Der Preis für einen Zugang beträgt 70 Euro pro Jahr (für Landwirte). Mitarbeiter von Industrie, Handel und Gewerbe zahlen 140 Euro. Da ISIP in der Regel zusammen mit anderen Beratungsleistungen angeboten wird, sind Zugänge in den meisten Bundesländern allerdings deutlich preiswerter bzw. kostenlos erhältlich.

Zusammenfassung

Eine Kombination der Simulationsmodelle SIMPHYT1 und 3 in Verbindung mit gezielten Bestandesbeobachtungen gewährleisten den derzeit bestmöglichen Informationsstand über die Krautfäulesituation in einer Region vom Beginn des Erstauftretens bis zum Abreifen der Bestände. Diese umfassende Information wird den Landwirten über www.isip.de und auf dem Wege der schriftlichen, telefonischen oder persönlichen Beratung durch den Pflanzenschutzdienst zur Verfügung gestellt. Dieses Vorgehen ist zwischen den deutschen Pflanzenschutzdiensten abgestimmt worden und wird von der ?Zentralstelle der Länder für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz? (ZEPP) koordiniert.

Kartoffelbau 5/2006 (75. Jhg.)

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